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Nachhaltigkeit als Entwicklungsdisziplin

Nachhaltige Medizintechnik entsteht in den ersten Systementscheidungen und nicht – wie viele vermuten – am Ende eines Produktlebens. Systemarchitektur, Plattformlogik, Energieversorgung, Verifikation und Dokumentation müssen früh ins Auge gefasst werden, denn das reduziert Material, Energie und Komplexität, ohne dabei Sicherheit, Hygiene oder Regulatorik zu schwächen.

Nachhaltige Produktentwicklung ist keine zusätzliche Aufgabe am Projektende. Sie ist eine Entwicklungsdisziplin, die mit der Definition der Systemarchitektur beginnt.

Gespräche über Nachhaltigkeit in der Produktentwicklung landen häufig eher bei Materialien, Entsorgung, Recycling und Berichtspflichten. Diese Themen sind sichtbar und müssen inzwischen immer stärker dokumentiert werden. Aus unserer Sicht beginnt Nachhaltigkeit aber früher. Nämlich an dem Punkt, wo ein Produkt zum ersten Mal als System gedacht wird. In dieser Phase entstehen Entscheidungen, die später über Energieverbrauch, Materialeinsatz, Reparierbarkeit, Variantenvielfalt, Prüfaufwand und Lebensdauer bestimmen.

Ein Medizinprodukt muss sicher funktionieren, verständlich und fehlerfrei bedienbar sein und unter realen Bedingungen bestehen. Dazu kommen Hygiene, Risikomanagement, Dokumentation, Zulassung, Servicefähigkeit und wirtschaftliche Anforderungen. Nachhaltigkeit darf diese Punkte nicht romantisieren, denn ein wiederverwendbares Bauteil hilft wenig, wenn Reinigung, Verschleiß, Energieversorgung oder Anwenderführung ungeklärt bleiben. Ein Einmalteil kann sinnvoll sein, wenn es Patientensicherheit und Sterilität zuverlässig absichert. Die entscheidende Frage lautet deshalb: An welcher Stelle ist die Funktion am sinnvollsten verortet.

Eine Antriebseinheit kann mehrfach genutzt werden, während sterile oder kontaminierte Komponenten nach dem Einsatz gewechselt werden müssen. Ein Gehäuse kann so aufgebaut sein, dass relevante Baugruppen erreichbar bleiben. Eine Energieversorgung kann von Anfang an mit Blick auf Lebensdauer, Sicherheit und Service entwickelt werden. Eine Softwarefunktion kann nur für ein einzelnes Gerät geschrieben werden oder als wiederverwendbarer Baustein für eine ganze Gerätefamilie entstehen.

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In unseren Projekten zeigt sich, wie eng Nachhaltigkeit mit Systemdenken verbunden ist. Mechanik, Elektronik, Embedded Software, EMV, Verifikation und Zulassung greifen so stark ineinander, dass einzelne Optimierungen allein selten reichen. Ein sparsamer Akku bringt wenig, wenn die Software unnötig Energie zieht. Ein gutes Materialkonzept verliert Wirkung, wenn das Gerät schwer zu öffnen oder zu prüfen ist. Eine modulare Idee bleibt Theorie, wenn Schnittstellen zu spät beschrieben werden. Eine Plattform spart nur dann Aufwand, wenn sie sauber gegen die spezifischen Risiken der einzelnen Anwendungen abgegrenzt ist. Nachhaltigkeit ist deshalb eine wichtige eigenständige Entwicklungsdisziplin.

Bei Diagnosegeräten wird dieser Gedanke sehr gut sichtbar. Ein Gerät misst Blutzucker, ein anderes Laktat, ein weiteres einen anderen Parameter. Auf Produktebene unterscheiden sich diese Geräte deutlich. Auf Systemebene tauchen jedoch wiederkehrende Bausteine auf. Viele Geräte benötigen ein Display, eine Energiequelle, eine Bedienlogik, Zustandsüberwachung, Fehlermanagement, Schnittstellen und Software für Batteriemanagement. Werden diese Elemente jedes Mal neu entwickelt, entsteht unnötige Komplexität. Werden sie als Plattform gedacht, entsteht ein sicheres Fundament, das auch die marktüblichen technischen Entwicklungsschritte dieser „Basiselemente“ im Prozess mitdenkt.

Eine gemeinsame Software für Batteriemanagement kann mehrere Geräte unterstützen, wenn Anforderungen, Grenzen und Sicherheitsaspekte professionell beschrieben sind. Ein wiederkehrendes Anzeige- und Bedienkonzept gibt Anwendern Orientierung, wenn die Nutzungssituationen vergleichbar bleiben. Ein abgestimmtes Energiemodul vereinfacht Beschaffung, Tests und Service, wenn Lebensdauer, Temperaturverhalten und Ladezustände früh aufgenommen werden. Gute Plattformentwicklung erkennt natürlich auch die Unterschiede an. Sie trennt die Funktionen, die gemeinsam getragen werden können, von den Teilen, die wegen Messprinzip, Risiko, Hygiene oder Anwendung bewusst eigenständig bleiben müssen.

Wir sprechen nicht abstrakt über weniger Verbrauch, sondern über klare Systemgrenzen. Wir sprechen über wiederverwendbare Softwarebausteine, stabile Schnittstellen, verständliche Dokumentation und frühe Prüfungen. Wir sprechen über Varianten, die auf einer gemeinsamen technischen Logik aufbauen.

Die regulatorische Seite wird dabei auch immer wichtiger. Hersteller müssen heute stärker erklären können, welche Materialien verbaut wurden, wie Batterien behandelt werden, welche Entsorgungswege vorgesehen sind und welche Nachweise im Lebenszyklus entstehen. Wenn Daten, Stücklisten, Prüfpläne und Änderungsstände erst am Projektende zusammengesucht werden, geht Zeit verloren. Werden diese Pfade konsequent von Anfang an mitgedacht, entsteht mehr Ruhe im Entwicklungsprozess.

Das gilt natürlich auch für die Verifikation. Ein Produkt muss definierte Anforderungen erfüllen und diese Erfüllung muss nachweisbar sein. Nachhaltige Entwicklung profitiert davon, wenn Prüfungen früh zeigen, welche Annahmen tragfähig sind und welche zu vermeiden sind. Ein EMV-Problem, das erst im Labor sichtbar wird, kann Mechanik, Layout, Software und Terminplan betreffen. Ein Batteriekonzept, das erst spät geprüft wird, kann Zulassung, Gebrauchsdauer und Service beeinflussen. Eine Plattform, die ohne klare Nachweisstrategie wächst, kann am Ende mehr Komplexität erzeugen, als sie reduziert.

Wir sind überzeugt, dass in den nächsten Monaten viele gute Gespräche zu diesem Thema entstehen werden. Die Branche spürt, dass Nachhaltigkeit in der Medizintechnik die Bereiche Sicherheit, Regulatorik, Anwendernutzen und Wirtschaftlichkeit zusammenbringen muss. Sie muss außerdem in echten Produkten funktionieren. Sie muss für Entwicklungsteams handhabbar bleiben. Und sie muss akzeptieren, dass nicht jede Lösung spektakulär aussieht.

Für den Prozess braucht es keine großen Versprechen, sondern eher gute Entscheidungen an den richtigen Stellen. Wir wollen diese Entscheidungen – in der Systemarchitektur, in der Plattformstrategie, in der Energieversorgung, in der Verifikation und in der Dokumentation – früher sichtbar machen.

Wenn dieses Thema gerade in Ihrem Projekt auf dem Tisch liegt, dann lassen Sie uns gern gemeinsam darüber sprechen.
EMV bereits im Konzept

Autor:

Business Development, Industrial Design

Wenn Projekte ganzheitliche Expertise erfordern, ist B&W Ihr One-Stop-Shop. Von der ersten Idee über Mechanik, Elektronik und Software bis zum abschließenden Test – wir decken den kompletten Entwicklungszyklus ab. Verlassen Sie sich auf uns als Ihren Rundum-Sorglos-Dienstleister.

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